Quo Vadis, Deutschland?

Für viele Menschen scheint es nur noch schwarz oder weiß zu geben. Insbesondere dann, wenn es um politische Ansichten geht. Den Blick über den Tellerrand wagen nur die Wenigsten, und wenn sie ihn gar in Worte fassen, dann setzen sie sich einem noch nie dagewesenen Shitstorm derer aus, die stromlinienförmig im politischen Kanon das nachplappern, was der sogenannten „political correctness“ entspricht und das eigene Seelchen streichelt; Facebook-Likes inclusive. Eine Momentaufnahme.

Beginnen wir mit einem Zeitsprung ins Jahr 2014, als die sogenannte „Flüchtlingskrise“ auch in meiner Heimatstadt Herford Einzug hielt. An einem Freitag nachmittag erreichte die Stadt die Information, dass in Kürze die ersten Flüchtlinge bei uns ankommen würden. Sehr pfiffig, diese doch nicht unerhebliche Information ausgerechnet zu einem Zeitpunkt per Fax zu versenden, wenn die Behörden längst im wohlverdienten Wochenende und die Büros dementsprechend geschlossen sind.

Erwartungsgemäss gab es Chaos pur, denn von einer auch nur ansatzweise angemessenen Vorbereitungszeit konnte nun wirklich nicht gesprochen werden. Eilig wurden Häuser hergerichtet, die gerade erst der Stadt nach dem Abzug britischer Soldaten weitestgehend besenrein übergeben worden waren, und so wurde die Herforder Ulmenstraße zur Auffangstation nach Herford zugewiesener Flüchtlinge, die dann nahezu täglich per Bus hergebracht wurden. Anwohner wurden per Faltblatt über ihre neuen Nachbarn informiert und darum gebeten, sie freundlich zu begrüssen.

In meiner Heimatstadt herrschte eine Stimmung, die fast schon unbeschreiblich ist und so ziemlich Jeden mitgerissen hat, der das Herz am rechten Fleck hat. Die Flüchtlinge wurden als Gäste empfangen, benötigte Dinge des täglichen Lebens, die auf die Schnelle behördenseitig nicht zu besorgen waren, wurden seitens der Herforder gespendet. Ohne großen Aufhebens, aus Empathie heraus. Es war eine Selbstverständlichkeit zu helfen und es war ein tolles Gefühl zu sehen, als kleines Rädchen im Getriebe einer funktionierenden Demokratie seinen kleinen Beitrag dazu leisten zu dürfen, unsere Gäste von dem zu überzeugen, was unser Land, was unsere Lebensweise ausmacht. Ich hoffe, dass der Begriff „Nationalstolz“ nun nicht falsch interpretiert wird, denn er fällt mir spontan ein, um dieses „Wir-Gefühl“ auf den Punkt zu bringen.

Ich habe die ersten drei Monate vor Ort journalistisch begleitet und viele Gespräche geführt: mit Flüchtlingen, mit Vertretern der Ausländerbehörde, der Polizei, den Anwohnern, dem Sicherheitsdienst. Und ich konnte mir in der Zeit durchaus ein eigenes Bild der Situation verschaffen und unterm Strich Spreu von Weizen trennen. Das, was ich dort erlebte, dürfte exemplarisch sein für andere Flüchtlingsunterkünfte, denn ich denke nicht, dass es hier vor Ort anders lief als irgendwo anders in unserem Land zu der Zeit.

WILLKOMMENSKULTUR

Ja, es gab sie. Und zwar in einer Deutlichkeit, die ich persönlich nie für möglich gehalten hätte. Alle rückten zusammen, organisierten Hilfe gleichwelcher Art und begrüssten die Flüchtlinge herzlich. Ohne Vorbehalte, ohne Berührungsängste. Wir alle waren frei von Vorurteilen.

REGISTRIERUNGSPROCEDERE – oder: WO GEHTS HIER ZUM BAHNHOF?

Zugegeben: ich dachte zunächst, das nachfolgende Ereignis sei dem Chaos der ersten Stunde geschuldet; heute aber wissen wir, dass die Identitäten von zigtausend Flüchtlingen ungeklärt sind und sie dennoch frei unter uns leben. Wieder einmal kam ein Bus mit Flüchtlingen an. Es lagen „Laufzettel“ bereit, auf denen sie ihre persönlichen Daten eintragen sollten. Dazu zählten natürlich auch Informationen zur Herkunft, der Personalien, dem Familienstand, dem Geburtsdatum, etc.

Eine Dreiergruppe reihte sich direkt nach Verlassen des Busses nicht etwa in der Reihe ein, sondern fragte mich stattdessen, wo es denn zum Bahnhof gehen würde. „Zum Bahnhof? Ähm, Moment mal bitte!“. Kurzer Smalltalk mit dem Sicherheitsdienst. Schulterzucken. Ich rief die Leitstelle der Polizei an um nachzufragen, wie mit Flüchtlingen zu verfahren sei, die anstatt sich nach der Ankunft registrieren zu lassen lieber unregistriert zum nächsten Bahnhof gehen würden. Die Antwort:

„Nun, die Flüchtlinge sind ja nicht verhaftet worden. Wenn sie gehen wollen, so können wir dagegen nichts tun!“

Ich habe damals die Welt nicht mehr verstanden. Heute verstehe ich, warum die innere Sicherheit in unserem Land schlichtweg eine Farce ist.

„DIE GUTEN INS TÖPFCHEN, DIE SCHLECHTEN INS KRÖPFCHEN“

Meine These lautet bis heute: stelle eintausend Menschen auf einen Marktplatz und du wirst vom Musterbürger bis zum Schwerverbrecher jede einzelne Spezies dort vertreten haben – unabhängig der Hautfarbe oder der ethnischen Herkunft. Bezogen auf die Flüchtlingsunterkunft in meiner Heimatstadt und deren Protagonisten verhielt sich das natürlich nicht anders. Rund zehn Prozent der rund vierhundert Flüchtlinge fielen bereits seit dem ersten Tag nach der Ankunft mit ständigen Straftaten auf: sexuelle Übergriffe auf Frauen und Kinder, Diebstähle, Einbrüche in der direkten Anwohnerschaft, Körperverletzungsdelikte. Sie sorgten nicht nur dafür, dass ausserhalb der Unterkünfte die Stimmung kippte, sondern sie verbreiteten auch innerhalb der Unterkünfte Angst und Schrecken.

MEDIALE BERICHTERSTATTUNGEN – UND DEREN „MAULKÖRBCHEN“

Es wird und wurde den Medien vorgeworfen, über Straftaten von Flüchtlingen nicht oder zumindestens sehr zurückhaltend zu berichten. Grund dafür war wohl die Annahme, dass die bisherigen, positiven Erfahrungen unter dem Stichwort „Willkommenskultur“ die Stimmung kippen würden. So geschah es dann auch. Ein konkretes Beispiel: ich erhielt seitens des Sicherheitsdienstes die Information, dass es zu einem dramatischen Zwischenfall in der Nacht gekommen sei. Zwei Flüchtlinge seien von Mitbewohnern gemeldet worden, da sie offenbar vorhatten, eines der Häuser, in denen sie untergebracht waren, in die Luft zu sprengen. Dazu hatten sie die Gastherme im Badezimmer manipuliert und versucht, diese durch Feuer unter der Abdeckung zur Explosion zu bringen. Den Berichten zufolge habe der Sicherheitsdienst umgehend reagiert und die verschlossene Tür aufgebrochen. Die beiden wurden dann, während sie laut „Allahu Akbar!“ riefen und völlig von Sinnen gewesen seien, durch das Sicherheitspersonal überwältigt, fixiert und der Polizei übergeben. Die nachfolgende Berichterstattung in den Medien las sich dann wesentlich zahmer, die Neue Westfälische Zeitung war die Einzige, die ein „wenig deutlicher“ berichtete. Was bis heute landesweit verschwiegen, geschönt und/oder mit -zumindestens- einem „Maulkörbchen“ wurde weiß übrigens niemand so richtig. Es wird nur das konkret benannt, was häufig aufgrund zahlreicher Augenzeugen sowieso nicht mehr zu vertuschen ist.

QUO VADIS, DEUTSCHLAND?

Um zur Ursprungsfrage zurückzufinden:

Nicht nur ich wünsche mir dieses Zusammengehörigkeitsgefühl aus 2014 zurück. Das erfahre ich täglich in Gesprächen, die ich mit Menschen unterschiedlichster Coleur führe. Was uns heute abhanden gekommen ist ist unsere Unbeschwertheit im Umgang untereinander. Die Gründe dafür liegen auf der Hand, wenn man sich die täglichen Ereignisse anschaut, die einen zweifeln lassen. Das Schlimmste daran: es scheint nur noch ein banales Schwarz-Weiß-Denken zu geben. Wer die Flüchtlingspolitik und deren Auswüchse kritisiert, thematisiert, darauf hinweist und berichtet, wird allzu schnell in der rechten Ecke verortet und es wird unterstellt, dass er ausländerfeindlich sei. Diese Art der Pauschalierung von toleranzbesoffenen Realitätsverweigerern hat unser Land zweifelsfrei gespalten, denn das Untergraben der Meinungsfreiheit unter dem Nimbus vermeintlicher Political Correctness dient niemandem. Vielmehr gilt es doch, sich das Differenzieren zu bewahren; was zunehmend schwerer fällt. Das hat auch damit zu tun, dass Toleranz keine Bringschuld ist.

Über meine Erlebnisse habe ich seinerzeit täglich auf meiner Facebook-Seite „Flüchtlingshilfe Ulmenstraße“ berichtet und diese akribisch dokumentiert.